von Rainer Schultz


Der Königslyra

Als Königslyra bezeichne ich die Königsklasse der Lyra-Schwertträger. Es handelt sich um einen Lyra-Schwertträger, und zwar einen mit einem normalen Gonopodium.

Die Männchen der lebendgebärenden Zahnkarpfen, zu denen der Schwertträger gehört, haben ihre Afterflosse zu einem Begattungsorgan umgebildet, dem Gonopodium. Die zurzeit üblichen Lyra-Schwertträger haben alle äußeren Flossenspitzen verlängert – auch die des Gonopodiums. Damit sind die männlichen Lyra-Schwertträger nur selten in der Lage Weibchen zu begatten, auch wenn sie ansonsten ein ganz normales Fischleben im Aquarium führen können.

Bisher ging man davon aus, dass die Flossen der Lyra-Schwertträger mit einem Merkmal alle verlängert werden. Das Auftreten des Königslyras und das Studium vieler Schwertträger-Phänotypen in meinen und fremden Zuchten sowie Recherchen in alter Literatur, lassen mich thesenhaft davon ausgehen, dass dem nicht so ist und die Flossen(strahlen)-Verlängerungen der einzelnen Flossenarten, einzeln vererbbar sind.


Flossenformen in der Literatur

Bei Jakobs(1969) wird der Doppel-Schwertträger erwähnt, dessen oberer Flossenstrahl der Schwanzflosse verlängert gewesen sein soll. Dieser Doppel-Schwertträger hatte ein normales Gonopodium und (wohl) auch eine normale Rückenflosse. Im selben Beitrag beschreibt Jakobs einen Delta-Hochflosser, dort auch Drachenflosser genannt. Die dort beschriebene Rückenflosse kann man beim „normalen“, (spalterbigen) Lyra-Schwertträger heute noch finden. Einen Leierschwanz-Schwertträger benennt er als Mutation des Delta-Hochflossers. So entstand offensichtlich der heutige Lyra-Schwertträger – additiv zusammengesetzt aus Einzelmerkmalen.

Bei Wolfsheimers (1960) ist auf den Abbildungen zu erkennen, dass bei den damals neuen Simpson-Schwertträgern die ersten Flossenstrahlen der Rückenflossen verkürzt waren. Die Flosse war gleichmäßig verlängert und wies nicht mehr als eine Verzweigung auf. Das entspricht dem heutigen Fahnenflosser in den praktizierten Standards.

Ursprüngliche Deltaflosser zeigen immer eine Verlängerung der ersten Flossenstrahlen der Rückenflosse. Durch das Verkreuzen beider Flossenformen findet man heute auch alle Formen dazwischen. Das bedeutet beide Erbmerkmale sind vorhanden aber unterschiedlich ausgeprägt.


Auftreten des Königslyras

Bei einem Wurf eines Lyra-Schwertträgerweibchens, das von einem hochflossigen Männchen befruchtet wurde, fand ich normalflossige Tiere, die eine obere Schwanzflossenverlängerung ausbildeten. Auch Günther Schramm zeigte während einer Diskussion über dieses Phänomen junge Schwertträger mit ähnlichem Phänotyp. Seine Tiere entstammten Würfen von Schwertträgern, die er 2006 als ausgestellte Tiere zur Xipho-Europameisterschaft in Bretnig von Klaus Rzegotta erwarb. Bei diesem Paar hatten beide Geschlechter ein Schwert. Während unserer Diskussion sah Günther sich die Nachkommen genauer an und stellte fest, dass einige junge Männchen mit Doppelschwertern ein normales Gonopodium hatten. Diese Exemplare bildeten sich später als Königslyra aus. 2008 zeigte ein Züchter aus Sachsen auf einer der Zusammenkünfte der Züchter lebendgebärender Aquarienfische in Bretnig ein Paar Lyra-Schwertträger, bei dem das Männchen ebenfalls ein normales Gonopodium hatte. Ich konnte die Fische von ihm erwerben. Meine Nachforschungen ergaben, dass auch diese Tiere auf den Züchter Klaus Rzegotta zurückgingen, der Lyra-Schwertträger mit normalem Gonopodium mit normalen, kurzflossigen Weibchen vermehrte. Interessanterweise haben die Weibchen aus diesen Verpaarungen oft ein deutlich ausgebildetes Unterschwert. Nicht so wie beim Männchen, aber deutlich als Schwert erkennbar.

Später konnte ich auch solche Fische direkt von Klaus Rzegotta erwerben. Ich vermehrte diese normalgonopodialen Lyra-Schwertträger-Männchen mit Weibchen lyra- und normalflossige Schwertträger. Dadurch wurde für mich die Fruchtbarkeit der Königslyra bewiesen.

Gemeinsam mit Günther Schramm entschieden wir uns für den Namen Königslyra. Wir wollten einen eigenen Namen anwenden, da die Tiere von angewendeten Bewertungsstandards für Xipho-Ausstellungen abweichen, mit dem Ziel, diese mit diesem Namen auch in geltende Standards einzufügen. Mit Klaus Rzegotta habe ich den Namen ebenfalls besprochen. Im Andenken an Günther Schramm hoffe ich, dass diese Bezeichnung weiterhin akzeptiert wird und schließlich auch Eingang in die gültigen Xipho-Standards findet. Es ist wohl besser von praktizierten Standards zu sprechen.



Weitere Beobachtungen

Bei genauem Betrachten treten immer wieder Flossenveränderungen bei Schwertträgerzuchtformen auf, die nicht irgendwelchen Typen zugeordnet werden können. So traten starke Verlängerungen der Brustflossen auf. Ich bekam beispielsweise ein Schwertträgermännchen, bei dem nur die Brustflossen verlängert waren. Der Züchter Wolfgang Brandt hatte eine solche Erscheinung bei einem Koi-Schwertträger in seinen Becken entdeckt. Bei Königslyra sind solche Brustverlängerungen ebenfalls aufgetreten.

Auch bei der Rückenflosse gibt es Veränderungen, die genetisch durchaus interessant sind, aber in der Regel verworfen werden, weil sie nicht nach irgendwelchen Standards bewertet werden können oder nicht zuordenbar sind.


Bei einem Wurf mit 50 Tieren kommen bei den üblichen spalterbigen Tieren durchschnittlich nur drei Königslyra vor. Nach meiner vorläufigen Theorie eigentlich sechs, aber die Weibchen dazu konnte ich noch nicht sicher nachweisen.


Wer möchte, kann das gerne nachvollziehen und die am Ende des Artikels aufgelistete Literatur nachlesen. Auf meiner Internetseite http://www.platys.net sind entsprechende Betrachtungen weiter ausgeführt, als es hier zweckmäßig ist.

Durch die Entwicklung von praktizierten Bewertungsstandards für Xiphophorus-Zuchtformen wurden schon entstandene Zuchtformen festgeschrieben. Wir sollten uns nicht weigern, diese fortzuschreiben.


Um das aber auch zu bemerken:
ich bin kein Freund davon, wenn "Vermehrer" sich der Königslyra bedienen, um einen höheren Anteil an Lyraflossern als Ergebnis zu erhalten.
Was ich aber gerne sehe sind gut ausgeformte Lyraflosser nach altem Standard.
Gut vorstellen kann ich mir aber auch Stämme von Königslyra mit "einfachflossigen" Weibchen mit Untenschwertansatz.

Leser, die sich für die angesprochenen Themen interessieren und Gleichgesinnte finden wollen, möchte ich auf eine spannende internationale Facebook-Gruppe hinweisen. Ich habe sie „International Xiphophorus Breeder“ genannt und damit augenscheinlich einige kompetente internationale Züchter angesprochen.

Meine eigene Internetseite nennt sich http://www.platys.net. Hier habe ich dokumentiert, was in den letzten Jahren bei mir und anderen Züchtern in den Becken stattfand und immer noch stattfindet.

Mich findet man in einschlägigen Foren seit langen Jahren unter dem Nicknamen Rekord oder Rainer Rekord.

Eine weitere sehenswerte Seite ist die von Karl Trochu aus den USA: http://www.miamiswordtails.weebly.com

Roy Levine zeigt auf seiner Seite http://www.xhifin.org sehr interessante Zuchtformen des Xiphophorus hellerii und dessen Hybriden mit anderen Arten der Gattung Xiphophorus.

Alexander Chernikov aus der Ukraine ist ein international bekannter Züchter. Er hat leider keine eigene Homepage, ist aber unter seinem Namen bei Facebook zu finden ist, aber auch in unserer Facebook-Gruppe.

Links zu weiteren Züchtern und Vereinen findet man ebenfalls bei http://www.platys.net.